"Metal matters - Heavy Metal als Kultur und Welt"

Die interdisziplinäre Tagung am 3. bis 5. Juni 2010 an der HBK Braunschweig, organisiert von Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab

Anfang Juni 2010 hat die Tagung "Metal matters - Heavy Metal als Kultur und Welt" in Braunschweig versucht, eine Leerstelle der Kultur- und Medienwissenschaft mit auszufüllen und die Komplexität des Phänomens Metal herauszustellen. Dieser Blog bündelt die Perspektiven der Konferenz und versucht den dort interdisziplinär zusammengeführten Strom aus Ideen, Projekten und Perspektiven vorläufig fortzuführen.

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Mittwoch, 10. April 2013

Helvete: A Journal of Black Metal Theory

Helvete_Cover_FrontDie erste Ausgabe der Helvete ist erschienen. Das Journal fokussiert schwerpunktmäßig eine philosophsiche und ästhetische Auseinandersetzung mit Black Metal Theory.
Aus dem Editorial:


This is an opening. It is a tear in the skin, stretching wider and wider to expose the erstwhile sterile cavities of the body. But whose skin is torn? Who is the infector? Who is infected?

Not to be confused with metal studies, music criticism, ethnography, or sociology, Black Metal Theory is a speculative and creative endeavor, one which seeks ways of thinking that count as Black Metal events — and indeed, to see how Black Metal might count as thinking. Theory of Black Metal, and Black Metal of theory. Mutual blackening. Therefore, we eschew any approach that treats theory and Metal discretely, preferring to take the left-hand path by insisting on “some kind of connaturality between the two, a shared capacity for nigredo.”

Printversion gibts hier, Onlineausgabe hier.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Metal Studies

Sarah Chaker hat im Musikmagazin Terz lesenswertes über den Stand der Metal Studies verfasst. Money Quote: " Dass die Wahl des Untersuchungsgegenstandes nicht frei von persönlichen Vorlieben und Interessen erfolgt, wird in den Metal Studies durchaus gesehen und reflektiert. Dass wir damit aber auch darüber mitbestimmen, was in Erinnerung bleiben wird (und was nicht), wir mit unseren Forschungsaktivitäten also dazu beitragen, ein kulturelles Erbe zu konstruieren und festzuschreiben, ist ein Umstand, den wir in seiner Tragweite erkennen und stets mit bedenken sollten."

Freitag, 17. August 2012

Krebsgang vor Berggletscher. Jan Grünwalds "Male Spaces. Bildinszenierungen archaischer Männlichkeiten im Black Metal".

Es beginnt – für ein Buch über archaische Männlichkeit im Black Metal durchaus sinnfällig – mit dem Eisenhans, dem den Gebrüdern Grimm entlehnten Sinnbild einer mythopoetischen Männerbewegung.  Gegenstand der Dissertation von Jan Grünwald sind Inszenierungspraktiken und Repräsentationsmodi einer spezifischen (Hyper-) Maskulinität, die sich im symbolischen Repertoire des Metal entfaltet. Die Frage ist also, ob der „Wilde Mann“ des Grimmschen Märchens (und des reichlich muffigen Buches von Robert Bly) etwas zu tun hat mit nietenbesetzten, axtschwingenden, corpspaint-tragenden Norwegern? Das Buch geht dieser Frage (methodisch vor allem Anhand einer großen Zahl von einschlägigen Videoclips) in vier Schritten nach: nach einer vorläufigen Definition von archaischer Männlichkeit widmet es sich zunächst der Frage des Raumes, in dem sich eine solche Männlichkeit entfalten kann, setzt dieses Double von Räumen und Inszenierungen in den Kontext eines spezifischen „Authentizitätsbegriffs“ um dann zu einer Bewertung zu kommen. Irgendwo zwischen Deleuzianischem Werden, Bergfilmen, brennenden Stabkirchen und trueness entsteht also eine archaische Männlichkeit im Black Metal, die, so der Klappentext, so „maßlos übertrieben“ ist, dass sie „Bruch und Distanzierung“ zulässt.
Was genau umfasst aber der Begriff der archaischen Männlichkeit? Das Buch begreift Männlichkeit doppelt ambivalent: als Teil einer Dominanz- wie einer Gegenkultur; und als Erinnerung an eine Vergangenheit, die so nie Gegenwart war (S. 54). Das greift gut: ein übliches Manowar-Cover kann somit gleichzeitig als chauvinistisch wie subversiv markiert werden; und als ein Regress in eine Zeit, in der Männer noch Männer waren, und die es so nie gegeben hat. „Der Begriff des Archaischen deutet nur den Wunsch nach Konstanz und Rückgewandtheit an, ist jedoch immer einem (geschichtslosen) Prozess unterworfen: sich im Außerhalb zu positionieren. Dieser Wille zur Differenz setzt dabei voraus, sich im Innerhalb auszukennen, um sich relational dazu zu positionieren. Die Relationalität der archaischen Männlichkeit zur Gegenwart ist Teil ihres Werdens“ (S.57). Archaische Männlichkeit wird bei Grünwald so zu einem als „re-enactment“ (S.59) einer fiktionale Hyper-Maskulinisierung, die sich  vor allem in Repräsentationen, Bildern und fiktionale Settings niederschlägt. Rollenspiele eben. „Repräsentation von Männlichkeit ist nie Männlichkeit selbst“ (S.59) – die Repräsentation von Männlichkeit ist zum anderen dann auch eine Inszenierungspraktik von Prototypen.
Die Analysen dieser Inszenierungen und Repräsentationen bilden dann auch konsequent der Hauptteil des Buchs. Leitidee dabei ist, dass diese Inszenierungspraktiken des Black Metal-Manns sich nicht auf einer beliebigen Bühne entfalten, sondern in einem (Natur-) Raum. Die Kapitel drei bis sechs entfalten dabei (wesentlich durch die Arbeiten der Soziologien Martina Löw inspiriert) eine Art Taxonomie solcher Inszenierungs-Topologien. Hier liest sich das Buch am besten, wenn man gleichzeitig die Vielzahl der analysierten Videos parallel betrachten kann. Jan Grünwald etabliert hier einen Begriff des (ideologischen) Naturraums, heterotoper Räume, filmischer Räume – eine Reihe produzierter Topologien, die in je unterschiedlicher Weise daran beteiligt sind, die Inszenierungspraktiken archaischer Männlichkeit herauszutreiben, zu evozieren, zu konterkarieren, zu transgressieren usf. Dieser Teil ist zwar schon der ausführlichste des Buches – dennoch würde ich mir gerade hier an mancher Stelle noch mehr Ausführlichkeit wünschen: das (bei Foucault entliehene) Konzept der Heterotopie ist vielversprechend, lässt sich aber gerade in Bezug auf seien Relation zur Utopie sicherlich noch ausbauen; das Konzept des Naturraums wirft die Frage nach dem Begriff des „Natürlichen“ auf; die Diskussion des Filmraums kann nur an der Oberfläche dessen kratzen, was die Filmwissenschaft zum Thema zusammen getragen hat; die Ästhetische Theorie (das Erhabene!) könnte auch noch viel beitragen… Aber natürlich bedeutet das nicht, dass die Argumentation hier nicht aufgeht – das Material wirft nur noch viel mehr Fragen auf, als es Jan Grünwald gelingt zu beantworten. Was nicht gegen Jan, sondern für das Material spricht. Wer sich in schneller Folge Immortals „Grim and Frostbitten Kingdom“, Burzums „Dunkelheit“ und dann ggf. noch Laibachs „Life is Life“-Version ansieht, dann noch ein wenig auf Bergmetal surft  bekommt einen Eindruck davon, wie weit gefasst, komplex und diskursiv dicht das Geflecht aus Räume und Inszenierungen ist, dass zur Konstitution archaischer Männlickeit zusammen findet. Das ganze kulminiert in der Darstellung des Buches im Begriff des Baudrillardschen Simulakra (S.149)
Das – meines Erachtens – allerdings pointierteste Argument stellt sich im Kapitel 8 „Ereignisraum“ ein: hier macht das Buch eine guten Vorschlag, wie das „Simulakrum“ die nötige Schwere und „Echtheitsanmutung“ erlangt, die für seine Effektivität nötig sind. Es ist die Rückbindung an die Gründungsmythen des norwegischen Black Metals, die gebetsmühlenartige vorgetragene Authentifizierung des eigenen (Inszenierungs-)Tuns durch den Verweis auf Mord, Totschlag, Brandstiftung und Suizid. Die Männlichkeit des Black Metals konstituiert sich über „trueness“; aber eine trueness, die nicht behauptet oder ausgekämpft werden muss, sondern sich (ähnlich der „realness“ im HipHop (S.191)) durch die Faktizität von Ereignissen einstellt. "Im Ereignis, welches das Subjekt hervorbringt, bzw. transformiert, liegt eine universelle Singularität, die als authentischer Moment beschrieben werden kann. Deswegen ist die Rückbindung auf ein Ereignis so wichtig, weil darin etwas liegt, das mehr ist als Repräsentation: ein Mord kann stattgefunden haben oder Mythos sein, der Ablauf des Tötungsaktes kann verherrlicht oder herunter gespielt werden – das Bekennen zum Ereignis des Mordes bleibt aber bestehen“ (S.189f).  Und genau hier, in der Ambivalenz von Zulassen und Zurückweisen entsteht der Raum einer merkwürdigen Aufladung, der Abbaths Krebsgang vor Berggletscher als Inszenierungspraxis von Männlichkeit erkennbar werden lässt, die ihre Hypermaskulinität einerseits der Anbindung an das Ereignishafte eines Mordes  verdankt – Verantwortung aber zurückweist, da das Einverständnis aller in den Inszenierungsmoment mitgedacht ist: „Das heißt, auch wenn die Inszenierungspraxen des Black Metal als eine Stilwelt innerhalb anderer Stile verstanden werden müssen, so ist es doch von enormer Wichtigkeit, diese selbstreflexive Ebene nicht zuzulassen, um Authentizität zu erlangen." (S.190)
Bruch und Distanzierung der Männlichkeit im Black Metal sind also gar nicht so sehr Momente der Überidentifikation (S. 211) oder der (Selbst-) Ironisierung – es sind vielmehr die Momente, in denen Männlichkeit gerade in ihrer Übertreibung sichtbar und damit trangressiv wird: „men over-act and men disapear“ (S. 197).

Grünwald, Jan G. (2012): Male Spaces. Bildinszenierungen archaischer Männlichkeiten im Black Metal. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Campus Verlag (Reihe: Sozialwissenschaften). ISBN 978-3-593-39645-3, 34,90 €

Postscriptum: Eine Rezension des Buchs von Erika  Becker (powermetal.de) findet sich übrigens hier.

Mittwoch, 11. April 2012

CfP Philosophy of Music

The Editorial Board of *AURORA: Revista de estética, fenomenología y hermenéutica*, a new academic journal of the Pontifical Catholic University of Peru, invites submissions of papers on *Philosophy of Music* for its first electronic issue to be published in August 2012.
Articles must be written in Spanish or English, should not exceed 6,000 words and should be original. Submissions must be suitable for blind review. Must be sent to the Editor in a DOC document by June 1st 2012, including summary and key words. A notification of intent to submit, including both a title and a brief summary of the content, will be greatly appreciated as soon as possible.
Contact and submissions: Arturo Rivas (arturo.rivas@pucp.pe)

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Master of Death

Jörg Scheller hat in einer der letzten ZEIT-Ausgaben unter dem Titel "Nicht schön, aber klug. Viele Künstler studieren neuerdings nach den Regeln der Bologna-Reform. Bald folgt der Metal-Musiker mit dem Was bedeutet das für die Kunst?" eine pointierte Analyse der Umstellung der künstlerischen Ausbildung an Kunsthochschulen auf das Bologna-Konzept ("BA/MA") vorgelegt. Lesenswert (vor allem für Menschen an Kunsthochschulen) - aber was hat das in einem Blog wie diesem zu suchen? Der Hinweis erfolgt aufgrund eines Gedankenexperiments: Was wäre wenn man das Ausbildungskonzept „Freier Künstler (MA)“ in andere Bereiche übertragen würde?
"Bald folgt der Metal-Musiker mit dem Master of Death, der seine Musik als partizipative Nekrologie monografisch reflektiert, CDs als intermediale »proof-of-concepts« deklariert und staatliche Stipendien für die Einrichtung eines Lärmlabors (ehedem »Proberaum«) akquiriert."
Das wolln wir doch - oder? Und vor allem – gibt’s schon längst….

Donnerstag, 11. November 2010

The Experts

Die "National Day of Slayer"-Task Force (die das ehrenwerte Projekt betreibt, einen ebensolchen nationalen Slayertag endlich offiziell zu machen; inoffiziell war es dieses Jahr der 6. Juni) hat auf ihrer Webseite ein - virtuelles - Kolloquium aus akademisch gestählten Positionen dokumentiert. So unterhalten sich dort Steve Waksman, Keith Kahn-Harris und Martin Popoff über Kultur, Metal und (natürlich) Slayer.

Freitag, 9. Juli 2010

Metal(lica) & Philosophie

Heavy Metal und Philosophie? Gar: Metallica und Philosophie?

Das mag für manche (oder sogar: für viele) Menschen ungewöhnlich klingen. Doch wer sich einmal ernsthafter mit den Songtexten von Metallica auseinandergesetzt hat, weiß, welche Ambivalenzen sich in diesen Texten verbergen können. US-Amerikanische Philosophen haben nun diese Texte analysiert und ihre Ergebnisse in einem Sammelband, der letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist, öffentlich gemacht. Hier ein Interview mit William Irwin, dem Herausgeber des Bandes.. Viel Spaß!

Dienstag, 29. Juni 2010

AG Populärkultur und Medien

In der Gesellschaft für Medienwissenschaft arbeitet seit einiger Zeit die AG Populärkultur, die natürlich auch ein wichtiger Ansprechpartner für Metallforschung ist. Aus deren Selbstverständnispapier: "Wenige medienkulturwissenschaftliche Konzepte sind seit jeher so eng verknüpft wie die Begriffe „Pop(ulär)kultur“ und „Medien“. Schon frühe Formen von Populärkultur waren an massenmediale Distributionsformen gebunden, allein um überhaupt Popularität in Anspruch nehmen zu können, ohne die sie wenig wirkmächtig wären. Die Auseinandersetzung mit populären Medienangeboten diente zugleich – nicht nur im Zuge der britischen Cultural Studies aber dort sicherlich zuerst in einer systematischen Form – der konsequenten Erweiterung des (medien)wissenschaftlichen Blickfelds und der Überwindung einer elitären Hierarchisierung kultureller Phänomene. Heute finden sich immer mehr gute Gründe dafür, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit populärkulturellen Phänomenen als zentral für alle medienkulturwissenschaftliche Forschung anzusehen, weil Populärkultur sich als zuverlässiger Seismograph für Veränderungsprozesse erwiesen hat, die mit zeitlicher Verzögerung auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Relevanz erhalten. Diese besondere Bedeutung populärkultureller Phänomene wird vielerorts anerkannt, jedoch resultiert daraus nur selten ein systematisches Forschungsprogramm zur (Weiter)Entwicklung einer Theorie und Empirie von Populärkultur und ihrer medialen Formen. "
Falls jemand in den Verteiler aufgenommen werden möchte oder Interesse an einer Mitarbeit hat, freuen sich auf eine Mail : Christoph Jacke (christoph.jacke [at] uni-paderborn.de) oder
Martin Zierold (martin.zierold [at] gcsc.uni-giessen.de)